Der Buchstabe

von Roberto Cavosi

Der kurze Traum von einem erfüllten Leben

Eine Frau träumt davon, ihr Leben aufzuschreiben.

Alles beginnt damit, dass eine Frau ihre Autobiographie schreiben will. Aber sie wird von ihrer Schreibmaschine im Stich gelassen, weil kein Buchstabe mehr anschlägt. Sie drückt auf das „m“, denn sie heißt Marcella, doch das Blatt bleibt unbeschrieben. Auch als sie hintereinander „m-m-m-m-m-m-m-m-m-m-m“ hämmert, passiert nichts. So wie der Buchstabe „m“ blockt, geht „von a bis z“ rein gar nichts mehr. Die Angst, ihr Leben verfehlt zu haben, wächst mit der Erkenntnis, vor einem weißen Blatt Papier zu sitzen.

Die Frau, die ihr Leben aufschreiben will, weint. Die Tränen tropfen auf das leere Blatt und verwandeln sich in Buchstaben. So gelingt es ihr, ihren Namen auf das Papier zu schreiben. Sie schluchzt in Anbetracht ihrer Geburt und der Freude, die ihre lieben Eltern wohl dabei empfunden haben. Was für ein hoffnungsfrohes und fröhliches Mädchen sie einst war! Warum muss sie beim Gedanken daran bloß weinen? Nichts scheint ihr wirklich geglückt zu sein, wenn die Erinnerung an ihr Leben diese Tränen hervorruft.

Sogar beim Wort H-i-m-m-e-l scheint es, als würde es aus allen Wolken schütten.

Richtig in Fluss kommt sie schließlich bei dem, was man den Anfang allen Wissens nennt. Das Papier saugt das Wort L-i-e-b-e auf und wird zu Brei. Es löst sich auf, zerfällt. Gleichzeitig versiegen die Tränen. Wohin sollten sie auch fallen, wenn das Papier fehlt? Worüber soll man weinen, wenn einem der Grund und Boden unter den Füßen weggezogen wird?

Der kurze Traum von einem erfüllten Leben endet damit, dass einzelne Buchstaben getippt werden, die aber ins Leere schlagen und von denen keine Spur übrigbleibt. Trotzdem versucht es Marcella wieder und immer wieder – ohne Erfolg.

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