Nächtliches Tagebuch

von Ennio Flaiano

Der kurze Traum von einer glücklichen Fügung

Ein Mann und eine Frau sitzen im blauen Dämmerlicht eines Zugabteils nebeneinander, als etwas passiert, was die junge Dame wild macht. In dem anschließenden Wortwechsel lernen sich beide näher kennen. Sie glauben von nun an fest an eine glückliche Fügung und beschließen folgerichtg zu heiraten.

Das Mädchen reiste allein, und der junge Mann, dem das blaue Dämmerlicht gelegen kam, berührte es an den Beinen. Die junge Frau lässt sich zuerst nichts anmerken, denn sie will kein Aufsehen erregen; doch am Ende, als er ihr Schweigen für Zustimmung nimmt und immer ein Stückchen frecher wird, reißt ihr der Geduldsfaden, sie packt seine Hand und beißt so fest hinein, dass es blutet. Der junge Mann schreit laut auf, worauf das ganze Abteil wach wird und er sich seinen Mitreisenden gegenüber rechtfertigen muss, er habe schlecht geträumt. Die junge Frau geht auf den Gang hinaus, der junge Mann folgt ihr nach und sagt:

„Sagen Sie mal, sind Sie übergeschnappt?“

„Sie sind übergeschnappt“, entgegnet sie.

„Nein, Sie!“.

„Warum ich? Sie sind es!“

Sie beginnen eine Unterhaltung, und sie versprechen, einander wiederzusehen, einen Monat später sind sie zusammen, und in zwei Monaten feiern sie Hochzeit. Den beiden erscheint diese Geschichte eine glückliche Fügung, was alles noch reizender macht, und immer, wenn die beiden darauf zurückkommen, wirft sie nachdenklich ein: „Es wäre richtig gewesen, ihm die Hand abzubeißen“. Woraufhin der junge Mann die Anwesenden einlädt, ihm endlich Recht zu geben: „Die ist wirklich übergeschnappt“.

Flaiano, E. (1994). Diario notturno. Milano: Adelphi.

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